Bekenntnisse

Zweites Helvetisches Bekenntnis

 

XII. Kapitel - Das Gesetz Gottes

Wir lehren, dass uns durch das Gesetz Gottes dargelegt werde, nämlich, was wir tun oder lassen sollen, was gut und gerecht, oder was böse und ungerecht sei. Deshalb bekennen wir, dass das Gesetz gut und heilig sei. Dieses Gesetz ist einerseits durch den Finger Gottes in die Herzen der Menschen geschrieben (Röm.2,15) und wird Gesetz der Natur genannt, andererseits aber ist es durch den Finger Gottes in die beiden Gesetzestafeln des Moses eingegraben worden und in den Büchern Mose ausführlicher erklärt (2.Mose20,1ff; 5.Mose5,6ff). Dieses teilen wir um der Klarheit willen ein in das Sittengesetz, das enthalten ist in den zehn Geboten oder in den beiden Tafeln und in den Büchern Mose erklärt wird, das Zeremonialgesetz, das die Zeremonien und den Gottesdienst festsetzt, und das Rechtsgesetz, das sich mit den staatlichen und wirtschaftlichen Ordnungen befasst.
Wir glauben, dass uns durch dieses Gesetz Gottes der ganze Wille Gottes und alle notwendigen Gebote für jeden Bereich des Lebens vollkommen gegeben seien. Sonst hätte der Herr wohl nicht verboten: "Ihr sollt nichts hinzutun zu dem, was ich euch gebiete, und sollt auch nichts davontun..." (5.Mose4,2; 12,32). Er hätte dann nicht geboten, nach diesem Gesetz recht zu wandeln und nicht abzuweichen, weder zur Rechten noch zur Linken (Jes.30,21).
Wir lehren, dieses Gesetz sei den Menschen nicht gegeben, dass sie durch dessen Beobachtung gerecht gemacht würden, sondern dass wir durch seine Anklage vielmehr unsere Schwachheit, Sünde und Verdammnis erkennen, und verzweifelnd an der eigenen Kraft, uns im Glauben zu Christus wenden sollen. Deutlich sagt der Apostel: "Das Gesetz bewirkt Zorn" (Röm.3,20; 4,15) und: "...durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde". Wenn uns ja das Gesetz gegeben wäre, damit es uns gerecht oder lebendig mache, käme die Gerechtigkeit wirklich aus dem Gesetz. Nun aber hat die Achrift - das Gesetz nämlich - alles unter die Sünde beschlossen, damit die Verheißung den Gläubigen aus dem Glauben an Christus gegeben werde. Daher ist das Gesetz unser Erzieher auf Christus hin geworden, damit wir aus dem Glauben gerechtfertigt würden (Gal.3,21ff). Denn weder konnte noch kann irgendein Mensch dem Gesetz Gottes Genüge tun und es erfüllen, weil unserem Fleisch bis zum letzten Atemzug Schwachheit anhaftet und verbleibt. Wiederum sagt der Apostel: "Denn - um das zu erreichen - was dem Gesetz unmöglich war, weil seine Kraft gelähmt war durch das Fleisch, sandte Gott seinen Sohn in einer Gestalt, die dem sündlichen Fleisch ähnlich war" (Röm.8,3). Deshalb ist Christus die Erfüllung des Gesetzes und unsere Vollkommenheit (Röm.10,4); so wie er den Fluch des Gesetzes aufhob, indem er an unserer Statt zur Schmähung oder zum Fluch wurde (Gal.3,13), lässt er uns durch den Glauben teilhaben an seiner Erfüllung des Gesetzes, und es wird uns seine Gerechtigkeit und sein Gehorsam angerechnet.
Insofern ist also das Gesetz Gottes abgetan, als es uns nicht mehr verdammt und nicht mehr den Zorn Gottes auf uns bringt; denn wir stehen unter der Gnade und nicht unter dem Gesetz. Außerdem hat Christus alle sinnbildlichen Ordnungen des Gesetzes erfüllt. Da nun die Sache selbst vorhanden ist und die Schatten gewichen sind, so haben wir in Christus die Wahrheit und alle Fülle des Lebens. Immerhin verwerfen wir deshalb nicht geringschätzig das Gesetz, indem wir der Worte des Herrn gedenken, da er spricht: "Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen" (Mt.5,17). Wir wissen, dass uns durch das Gesetz von Tugend und Laster dargestellt wird. Wir wissen ferner, dass das geschriebene Gesetz, sofern es durch das Evangelium ausgelegt wird, der Kirche nützlich ist und man deshalb das Lesen des Gesetzes nicht aus der Kirche ausschließen darf. Denn war auch das Angesicht des Moses mit einer Decke verhüllt, so betont doch der Apostel, dass die Decke durch Christus weggenommen und beseitigt werde. - Wir verwerfen demnach alles, was alte und neue Irrlehrer gegen das Gesetz gelehrt haben.

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