Bekenntnisse

Zweites Helvetisches Bekenntnis

 

XVIII. Kapitel - Die Diener der Kirche; ihre Einsetzung und ihre Pflichten

Um sich seine Kirche zu sammeln und zu gründen, sie zu leiten und zu erhalten, hat Gott immer Diener verwendet, bedient sich solcher auch heute noch und solange es eine Kirche auf Erden gibt. Deshalb ist Ursprung, Einsetzung und Amt der Diener von höchstem Alter und rührt von Gott selbst her, ist also nicht eine neue oder bloß menschliche Ordnung. Gott hätte sich ja wohl aus eigener Macht unmittelbar eine Gemeinde schaffen können, aber er wollte lieber durch den Dienst von Menschen mit den Menschen verkehren. Deshalb sind die Diener nicht bloß als Diener, sondern als Gottes Diener zu betrachten, weil Gott durch sie das Heil der Menschen schafft. Wir werden deshalb davor gewarnt, nicht das, was zu unserer Bekehrung und Belehrung gehört, einer dunkeln Kraft des Heiligen Geistes zuzuerkennen, so dass man das kirchliche Amt seines Inhaltes beraubt. Denn wir müssen uns stets der Worte des Apostels erinnern: "Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nicht gehört haben? Wie sollen sie aber hören, ohne einen, der predigt?... Also kommt der Glaube aus der Predigt, die Predigt aber durch das Wort Christi" (Röm.10,14-17). Und der Herr hat im Evangelium gesagt: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer einen aufnimmt, wenn ich ihn sende, nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat" (Joh.13,20). Und der Mazedonier, der dem Paulus während seines Aufenthaltes in Kleinasien in einem Gesicht erschien, ermahnte ihn und sagte: "Komm herüber... und hilf uns" (Apg.16,9). An einer anderen Stelle hat der Apostel gesagt: "Gottes Mitarbeiter sind wir; Gottes Ackerfeld, Gottes Bau seid ihr." (1.Kor.3,9). Doch müssen wir uns auch davor hüten, dass wir nicht dem Diener und dem Amt zu viel zuschreiben, auch hier eingedenk der Worte des Herrn, der im Evangelium sagt: "Niemand kann zu mir kommen, es ziehe ihn denn der Vater" (Joh.6,44), und des Apostelwortes: "Was ist nun Apollos? Was aber Paulus? Diener, durch die ihr gläubig geworden seid, und zwar so, wie es der Herr einem jeden verliehen hat. Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Gedeihen gegeben. Somit ist wieder der etwas, welcher pflanzt, noch der, welcher begießt, sondern Gott, der das Gedeihen gibt" (1.Kor.3,5-7). Wir sollen also dem Worte Gottes glauben, dass Gott uns äußerlich durch seine Diener lehre, inwendig aber die Herzen seiner Erwählten durch den Heiligen Geist zum Glauben bewege, und dass man alle Ehre für diese ganze Wohltat Gott geben müsse. Davon ist bereits im ersten Kapitel dieser Darlegung die Rede gewesen.
Und zwar hat sich Gott von Anfang der Welt an der allerhervorragendsten Menschen in der Welt bedient - waren die meisten auch einfältig, was die weltliche Weisheit oder Philosophie anbetrifft, so zeichneten sie sich doch in der wahren Gottesgelehrtheit aus -, nämlich der Patriarchen, mit denen er oft durch Engel geredet hat. Denn die Patriarchen sind die Propheten und Lehrer ihrer Zeit gewesen, die Gott dazu bestimmte, zu diesem Zweck etliche hundert Jahre zu leben, damit sie gleichsam Väter und Lichter der Welt seien. Auf sie folgte Moses mit den Propheten, die in der ganzen Welt berühmt waren. Nach ihnen sandte der himmlische Vater seinen eingeborenen Sohn als vollkommensten Lehrer der ganzen Welt, in dem jene göttliche Weisheit verborgen ist, die auch bis auf uns kam durch die heiligste, einfachste und allervollkommenste Lehre. Er aber hat sich Jünger erwählt, die er dann zu Aposteln machte. Diese aber sind ausgegangen in die ganze Welt und haben durch die Predigt des Evangeliums überall Gemeinden gesammelt, dann aber haben sie in allen Gemeinden Hirten und Lehrer eingesetzt nach dem Befehl Christi, durch deren Nachfolger er bis heute die Kirche lehrte und leitete. Wie also Gott dem alten Bundesvolk die Patriarchen samt Moses und den Propheten gegeben hat, so hat er dem Volk des neuen Bundes seinen eingeborenen Sohn gesandt samt den Aposteln und Lehrern der Kirche.
Nun werden die Diener des neuen Bundesvolkes weiterhin mit verschiedenen Namen bezeichnet; sie heißen: Apostel, Propheten, Evangelisten, Aufseher (Bischöfe), Älteste (Presbyter), Hirten (Pastoren, Pfarrer) und Lehrer (Doktoren) (1.Kor.12,28; Eph.4,11). Die Apostel hatten keinen festen Wohnsitz, sondern zogen durch die Welt und sammelten die verschiedenen Gemeinden. Wo aber schon Gemeinden gegründet waren, da gab es keine Apostel mehr, sondern an ihre Stelle traten in jeder Gemeinde die Hirten oder Pfarrer. Die Propheten wussten als Seher einst das Zukünftige, aber sie erklärten auch die Schrift. Solche finden sich auch heute noch. Evangelisten nannte man die Verfasser der evangelischen Geschichte, aber auch die Prediger des Evangeliums Christi. So wie etwa auch Paulus dem Timotheus befiehlt, das Werk eines Evangelisten zu verrichten. Die Bischöfe aber sind die Aufseher und Wächter der Kirche, die auch die zum Leben notwendigen Güter der Kirche verwalten. Die Presbyter sind Älteste, sozusagen Kirchenräte oder Kirchenpfleger. Die mit heilsamem Rat die Gemeinde leiten. Die Hirten oder Pfarrer bewachen den Schafstall des Herrn und versorgen ihn mit allem Nötigen. Die Lehrer unterrichten und lehren den wahren Glauben und die rechte Frömmigkeit. So kann man also heute als Diener der Kirche nennen: Aufseher (Bischöfe), Älteste (Presbyter), Hirten (Pastoren, Pfarrer) und Lehrer (Doktoren).
In der Folgezeit sind dann allerdings noch weit mehr Amtstitel in die Kirche Gottes eingeführt worden. Die einen wurden eingesetzt als Patriarchen, andere als Erzbischöfe und Weihbischöfe, ferner als Metropoliten, Erzpriester, Diakone und Subdiakone, Akoluthen, Exorzisten, Kantoren, Janitoren und alle möglichen anderen: wie Kardinäle, Pröpste, Prioren, hohe und niedere Ordensväter, hohe und niedere Orden. Doch haben wir uns nicht darum bekümmert, was diese alle früher waren oder heute noch seien. Uns genügt die apostolische Lehre von den Dienern.
Da wir nun sicher wissen, dass die Mönche und ihre Orden oder Sekten weder von Christus noch von den Aposteln eingesetzt worden sind, so lehren wir, dass sie der Kirche nichts nützen, sondern ihr eher verderblich sind. Sind sie auch früher einst erträglich gewesen - da sie noch Einsiedler waren, sich mit ihrer Hände Arbeit ihren Unterhalt beschafften und niemanden zur Last fielen, sondern sich den Pfarren ihrer Gemeinde überall unterzogen, wie die Leute aus dem Volk -, so sieht und merkt doch die ganze Welt, wie es heute um sie steht. Unter dem Vorwand irgendwelcher Gelübde leben sie doch diesen ihren Gelübden stracks zuwider, so dass sogar die besten unter ihnen den Leuten beigezählt zu werden verdienen, von denen der Apostel gesagt hat: "Wir hören, dass etliche unter euch unordentlich wandeln, indem sie nichts arbeiten, sondern unnütze Dinge treiben" (2.Thess.3,11). Darum haben wir für solche keinen Raum in unseren Kirchen und lehren auch, es dürfe solche in den Kirche Christi nicht geben.
Niemand soll sich auch die Ehre eines kirchlichen Amtes anmaßen, das heißt durch Geschenke oder irgendwelche Schliche oder in eigener Willkür an sich reißen. Die Diener der Kirche sollen vielmehr berufen und gewählt werden durch eine kirchliche und rechtmäßige Wahl; das heißt, ihre Wahl soll auf gottesfürchtige Weise erfolgen, und zwar nach rechter Ordnung, entweder von der Gemeinde oder von ihren dazu Abgeordneten, ohne Aufruhr, Zwiespalt und Streit. Man wähle aber auch nicht beliebige Leute, sondern zum Amt geeignete Männer mit guter und heiliger Bildung, mit frommer Beredsamkeit und einfältiger Klugheit, die auch bekannt sind als bescheidene und ehrbare Menschen, nach der apostolischen Regel, die vom Apostel aufgestellt wird in 1.Tim.3,2ff, und Tit.1,7ff. Und die Gewählten sollen von den Älteren eingesetzt werden unter öffentlicher Fürbitte und unter Handauflegung. Wir verurteilen hier alle, die auf eigene Faust Ämtern nachlaufen, während sie doch nicht gewählt, gesandt und eingesetzt sind (Jer.23). Wir verwerfen ungeeignete und mit den für einen Pfarrer notwendigen Gaben nicht ausgerüstete Diener. Wir bekennen allerdings, dass die unschädliche Einfalt mancher Hirten in der alten Kirche einst der Kirche  mehr genützt hat als die vielseitige, auserlesene und feine, aber ein wenig zu stolze Bildung manch' anderer. Daher, wenn die Leute nicht ganz unwissend sind, verwerfen wir auch heute nicht ihre fromme Einfalt. Die Apostel Christi nennen nun freilich alle, die an Christus glauben, Priester, nicht im Sinne eines Amtes, sondern weil wir, da wir Gläubigen alle zu Königen und Priestern gemacht sind, durch Christus Gott geistliche Opfer darbringen können (2.Mose19,6; 1.Pet.2,9; Offb.1,6). Ganz verschiedene Dinge sind also dieses allgemeine Priestertum und das Dieneramt. Während jenes allen Christen gemeinsam ist, wie wir eben gesagt haben, ist das bei diesem nicht der Fall. Das Dieneramt der Kirche haben wir damals nicht aus der Kirche entfernt, als wir das päpstliche Priestertum in der Kirche Christi abgeschafft haben.
Allerdings gibt es im Neuen Bunde Christi kein derartiges Priestertum mehr wie im alten Bundesvolk, das die äußere Salbung, heilige Gewänder und eine Menge Zeremonien gehabt hat; diese sind auf Christus hinweisende Bilder gewesen, der bei seiner Ankunft dies alles erfüllt und aufgehoben hat. Er selber aber bleibt Priester in Ewigkeit (Hebr.7). Um ihm nichts zu benehmen, geben wir keinem unter den Dienern der Kirche den Namen "Priester". Denn der Herr selbst hat in der Kirche des Neuen Bundes keine Priester eingesetzt, die vom Weihbischof die Vollmacht empfangen, täglich das Messopfer, nämlich Leib und Blut des Herrn selbst, für Lebendige und Tote darzubringen, sondern bloß solche Diener, die lehren und die Sakramente verwalten sollen. So erklärt Paulus einfach und kurz, was wir von den Dienern des Neuen Bundes oder der christlichen Kirche denken und was wir ihnen zuschreiben sollen: "So soll man uns ansehen: als Diener Christi und Haushalter über Geheimnisse Gottes" (1.Kor.4,1). Der Apostel will also, dass wir Diener wirklich für Diener halten. Diener aber hat sie der Apostel genannt, das heißt eigentlich "Ruderknechte", die einzig auf den Willen des Schiffsherrn sehen, also Menschen, die nicht für sich oder nach eigenem Gutdünken leben, sondern für andere, nämlich für ihre Herren, von deren Befehlen sie völlig abhangen. Denn ein Diener der Kirche soll ganz und in allen seinen Pflichten nicht seinem eigenen Gutdünken folgen, sondern stets das ausführen, wozu ihn die Befehle seines Herrn anhalten. In diesem Spruch wird auch deutlich gesagt, wer der Herr sei, nämlich Christus, dem die Diener in allen Geschäften des Amtes wie Leibeigene verpflichtet sind. Außerdem fügt er zur näheren Erläuterung des Dienstes hinzu, dass die Diener der Kirche Haushalter oder Verwalter der Geheimnisse Gottes seien. Als Geheimnisse Gottes bezeichnet Paulus aber an vielen Stellen, besonders Eph.3,3-9, das Evangelium Christi. Die Alte Kirche nannte auch die Sakramente Christi Geheimnisse. So sind die Diener der Kirche also dazu berufen, den Gläubigen das Evangelium zu predigen und die Sakramente zu verwalten. Denn wir lesen auch anderswo im Evangelium (Luk.12,42) von dem treuen und klugen Knecht, dass der Herr ihn über sein ganzes Haus gesetzt habe, den Hausgenossen zur rechten Zeit ihre Speise zu geben. Wiederum an einer anderen Stelle des Evangeliums "zieht ein Mann außer Landes", verlässt sein Haus und gibt seinen Knechten Vollmacht darüber, oder gar über sein Vermögen, und einem jeden weist er seine Arbeit zu.
Hier ist nun die rechte Gelegenheit, noch etwas zu sagen über die Gewalt und das Amt der Diener in der Kirche. Über diese Gewalt haben gewisse Leute den Mund allzu voll genommen und haben ihrer Gewalt auch alles Höchste auf Erden untergeordnet, und das gegen den Befehl des Herrn, der den Seinen zu herrschen verboten, ihnen vielmehr Demut anbefohlen hat (Luk.22,24ff; Mt.18,3f; 20,25ff). Wahrhaft anderer Art ist die volle und uneingeschränkte Gewalt, welche auch von Rechts wegen so genannt wird. Nach solcher Gewalt sind dem Herrn Christus alle Dinge der Welt unterworfen, wie er selbst bezeugt und gesagt hat: "Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden" (Mt.28,18). Ferner: "Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige, und ich war tot, und siehe, ich bin lebendig in alle Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Totenreiches" (Offb.1,18). Ebenso: "... er hat den Schlüssel Davids, er, der öffnet, so dass niemand schließt, und schließt, dass niemand öffnet" (Offb.3,7). Diese Gewalt behält sich der Herr vor und überträgt sie auf keinen andern, um etwa selber als müßiger Zuschauer nur beim Wirken seiner Diener dabeizustehen. Denn Jesaja sagt: Ach will ihm auch den Schlüssel des Hauses Davids auf die Schultern legen" (Jes.22,22), und wiederum: "... die Herrschaft kommt auf seine Schulter" (Jes.9,6). Denn er legt seine Herrschaft nicht andern auf ihre Schultern, sondern behält und gebraucht seine Macht bis jetzt, indem er alles regiert. Etwas anderes ist es um die Amtsgewalt oder die dienstliche Bevollmächtigung; sie ist umgrenzt von dem, der der Inhaber der vollen Gewalt ist. Diese Amtsgewalt ist mehr ein Dienen als ein Herrschen. Denn ein Herr räumt seinem Hausverwalter die Macht über sein Haus ein; daher gibt er ihm auch die Schlüssel mit der Befugnis, ins Haus einzulassen oder auszuschließen, wen der Herr einlassen oder ausschließen will. Kraft dieser Vollmacht tut der Diener pflichtgemäß das, was ihm vom Herrn befohlen ist, und der Herr bestätigt, was er tut, und will, dass man die Handlung seines Dieners wie seine eigene betrachte und anerkenne. Darauf beziehen sich nämlich die Sprüche des Evangeliums: "Ich will dir die Schlüssel des Reiches der Himmel geben; und was du auf Erden binden wirst, das wird in den Himmeln gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird in den Himmeln gelöst sein" (Mt.16,19); ebenso: "Wenn ihr jemandem die Sünden vergebt, sind sie ihm vergeben; wenn ihr sie jemandem nicht vergebt, sind sie ihm nicht vergeben" (Joh.20,23). Sollte aber der Diener nicht alle Dinge so ausführen, wie ihm vom Herrn befohlen ist, sondern die Grenzen der Treue überschreiten, so erklärt der Herr natürlich für ungültig, was er getan hat. So ist also die Kirchengewalt der Diener in der Kirche jenes Amt, durch das sie zwar die Kirche Gottes regieren, jedoch alles in der Kirche so tun, wie es der Herr durch sein Wort vorgeschrieben hat; ist es aber so getan, so nehmen es die Gläubigen so an, als sei es vom Herrn selbst getan. Von der Schlüsselgewalt ist übrigens bereits früher die Rede gewesen.
Nun ist aber allen Dienern in der Kirche ein und dieselbe gleiche Gewalt oder Amtsbefugnis gegeben. Sicherlich leiteten am Anfang die Aufseher (Bischöfe) oder Ältesten in gemeinsamer Arbeit die Gemeinde; keiner erhob sich über den andern oder maßte sich höhere Gewalt oder Herrschaft über die Mitarbeiter an. Denn eingedenk der Worte des Herrn: "Der Hochstehende soll werden wie der Dienende" (Luk.22,26), blieben sie in der Demut und halfen einander gegenseitig, die Gemeinde zu leiten und zu bewahren. Indessen rief wohl einer oder ein besonders Bezeichneter von den Dienern um der Ordnung willen die Gemeindeversammlung zusammen und legte ihr die Verhandlungsgegenstände vor, sammelte die Ansichten der andern und sorgte nach Mannesart dafür, dass keinerlei Unordnung entstand. So habe, liest man in der Apostelgeschichte, der heilige Petrus getan, der immerhin deshalb nicht den andern übergeordnet oder mit größerer Gewalt über die andern ausgestattet war. Sehr richtig bemerkt der Blutzeuge Cyprian in seiner Schrift "Die Schlichtheit der Kleriker": "Was Petrus gewesen ist, das waren auch die andern Apostel; sie hatten Ehre und Vollmacht gewissermaßen in Gütergemeinschaft; das aber kam unmittelbar aus der Einheit der Kirche, damit die Kirche als Eine erwiesen werde." Ähnliche Ausführungen macht der heilige Hieronymus in seiner Auslegung zum Titusbrief des Paulus, wo er sagt: "Bevor durch Antrieb des Teufels Glaubensstreitigkeiten entstanden, wurden die Gemeinden durch den gemeinschaftlichen Rat der Ältesten geleitet; als aber jeder diejenigen, die er getauft hatte, als "seine" Leute betrachtete, statt als Eigentum Christi, wurde beschlossen, dass ein aus den Ältesten Gewählter den andern übergeordnet werden solle, dem die ganze Sorge für die Gemeinde obliege, um so die Keime zu Spaltungen zu beseitigen." Diesen Beschluss gibt jedoch Hieronymus nicht als göttlich aus. Sofort fügt er nämlich hinzu: "Wie die Priester wissen, dass sie nach der Gewohnheit der Kirche ihrem Vorgesetzten unterworfen sind, so mögen auch die Bischöfe daran denken, dass sie eben mehr durch Gewohnheit als in Wahrheit durch göttliche Anordnung höher stehen als die Priester und die Kirche mit ihnen gemeinschaftlich regieren sollen." So weit Hieronymus. Deshalb kann niemand mit irgendwelchem Rechtsanspruch verbieten, zur alten Ordnung der Kirche Gottes zurückzukehren und jene der menschlichen Gewohnheit vorzuziehen.
Die Amtspflichten der Diener sind verschiedenartig, können aber immerhin auf zwei Dinge zurückgeführt werden, die alles andere umfassen: nämlich die Lehre des Evangeliums Christi und die rechtmäßige Verwaltung der Sakramente. Den Dienern liegt es ob, die Gemeinde zum Gottesdienst zu versammeln, darin das Wort Gottes auszulegen und die ganze Lehre dem Bedürfnis und dem Nutzen der Gemeinde entsprechend anzuwenden, damit das, was gelehrt wird, allen Hörern nützlich sei und die Gläubigen erbaue. Den Dienern liegt es also ob, die Unwissenden zu lehren, jene zu ermahnen und vorwärts zu drängen, die auf dem Wege des Herrn stille stehen oder allzu langsam vorwärts schreiten, die Ängstlichen zu trösten und zu stärken und sie zu schützen gegen die mannigfaltigen Anfechtungen des Teufels, die Sünder zu bestrafen, die Irrenden auf den rechten Weg zurückzubringen, die Gefallenen aufzurichten, die Widersprechenden zu überweisen und endlich die Wölfe vom Schafstall des Herrn zu verjagen. Laster und Lasterhafte sollen sie mit Klugheit und mit Nachdruck tadeln und gegen Schandtaten weder nachsichtig sein noch schweigen. Ferner sollen sie auch die Sakramente verwalten und zu ihrem rechten Gebrauch ermahnen und alle zu ihrem Empfang durch die reine Lehre vorbereiten, die Gläubigen auch in heiliger Einheit bewahren, Spaltungen verbieten, die Kinder unterweisen, die Notdurft der Armen der Gemeinde ans Herz legen, die Kranken und von mancherlei Anfechtungen Bedrückten besuchen, unterweisen und auf dem Weg des Lebens erhalten; außerdem sollen sie in Zeiten der Not öffentliche Bet- und Bußtage, verbunden mit Fasten, das heißt heiliger Enthaltsamkeit, anordnen und alles, was zur Ruhe, zum Frieden und zum Heil der Gemeinden dient, mit größter Sorgfalt besorgen. Damit aber der Diener dies alles besser und leichter zu tun vermöge, muss man von ihm in erster Linie verlangen, dass er gottesfürchtig sei, im Gebet verharre, fleißig die Heilige Schrift lese, in allen Dingen und immer wachsam sei und allen durch ein reines Leben voranleuchte. Und weil überhaupt in der Kirche Zucht sein muss und bei den Alten einst der Ausschluss vom Abendmahl gebräuchlich war und im Volke Gottes Kirchengerichte bestellt wurden, in denen weise und fromme Männer diese Zucht handhabten, wäre es Pflicht der Diener, sich nötigenfalls je nach den Umständen von Zeit und öffentlichem Leben zur Erbauung der Gemeinde dieser Zucht zu bedienen.
Dabei ist immer die Regel zu befolgen, dass alles geschehen soll zur Erbauung, anständig, ehrbar, ohne Herrschsucht und Zwietracht. Denn der Apostel bezeugt, dass ihm von Gott seine Machtbefugnis gegeben sei zur Auferbauung und nicht zur Zerstörung (2.Kor.10,8). Auch hat ja der Herr selber verboten, das Unkraut auf dem Acker Gottes auszuraufen, weil sonst die Gefahr bestehe, dass auch Weizen mit ausgerissen werde (Mt.13,29f). Wir verfluchen hiermit den Irrtum der Donatisten, die die Lehre und Verwaltung der Sakramente je nach dem schlechten oder guten Lebenswandel der Diener für wirksam oder unwirksam halten. Denn wir wissen, dass das Wort Christi gehört werden muss, auch wenn es vom Munde schlechter Diener ausgeht. Denn der Herr hat selbst gesagt: "Alles nun, was sie euch sagen, tut und befolget; aber nach ihren Werken tut nicht" (Mt.23,3). Wir wissen, dass die Sakramente durch ihre Einsetzung und das Wort Christi geheiligt und für die Gläubigen wirksam sind, auch wenn sie von unwürdigen Dienern dargeboten werden. Deshalb hat der selige Diener Gottes, Augustin, auf Grund der Heiligen Schrift viel gegen die Donatisten gestritten. Indessen soll auch unter den Dienern rechte Zucht herrschen. Man hat deshalb auf den Synoden fleißig Lehre und Lebenswandel der Diener zu prüfen. Die Fehlbaren sollen von den Älteren angeklagt und auf den rechten Weg zurückgeführt werden, wenn noch Hoffnung auf Besserung ist; oder wenn sie unverbesserlich sind, soll man sie absetzen und sie als Wölfe durch wahre Hirten von der Herde des Herrn verjagen. Denn wenn sie Irrlehrer sind, so darf man sie auf keinen Fall dulden. Wir missbilligen auch nicht jene Kirchenversammlungen (Konzilien), die nach dem Beispiel der Apostel feierlich zusammentreten zum Heil und nicht zum Verderben der Kirche.
Es sind auch alle treuen Diener als gute Arbeiter ihres Lohnes wert, und sie sündigen nicht, wenn sie einen Gehalt und alles, was für sie und ihre Familie zum Leben derweilen nötig ist, annehmen. Denn der Apostel beweist, dass von Rechts wegen dieser Unterhalt von der Gemeinde geleistet und von den Dienern angenommen werde (1.Kor.9,7f; 1.Tim.5,18 und auch anderswo). Durch diese apostolische Lehre sind auch die Wiedertäufer widerlegt, die die Diener, weil sie von ihrem Dienste leben, verwerfen und schmählich beschimpfen.
 

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